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Orient und Okzident – und die kulturellen Merkmale

Ein in Deutschland lebender Syrer kommentiert Unterschiede aber auch Verbindendes zwischen Deutschland und Syrien.

Hier und dort führen die Menschen ihr Leben in einer Weise, die mit den Lebensbedingungen, Sitten und Traditionen der Gesellschaft in Einklang steht.

Die meisten Dinge, an welchen wir festhalten, sind diejenigen, die wir in unserer Kindheit geliebt haben. So sehr sich die Welt um uns herum verändert, so sehr sich die Dinge ändern, mit denen wir uns befassen und so sehr sich die Umstände ändern, die unser Leben bestimmen, am Ende hängt unser Herz an den Gegenständen der Vergangenheit und beschäftigt sich unser Geist mit den Geschichten unseres Heimatlandes. Um die Menschen einer Region zu verstehen, ist es hilfreich, sich damit zu beschäftigen woher sie kommen. Es mag viele Traditionen geben, auf die wir gut und gerne verzichten können und von denen wir uns im Laufe unseres Lebens entfernen; vergessen werden diese Gewohnheiten jedoch nie sein, sondern sie bleiben tief in unserem Innern verankert.

Alte und neue Handelsmächte

Syrien ist ein Teil des traditionell muslimisch geprägten Morgenlandes. Das Land gibt es seit mehr als 7.000 Jahren. Gelegen an der großen Kreuzung zwischen Ost und West, war Syrien in der Geschichte   Handelspartner der ganzen Welt. Wer kennt nicht die berühmte Seidenstraße? Auch ist Syrien die Region, in der die drei Weltreligionen (Judentum, Christentum und der Islam) beheimatet sind.

Deutschland ist ein Teil des Abendlands, christlich geprägt und bietet dennoch Platz für andere Religionen. Ähnlich wie Syrien in der Vergangenheit ist heute Deutschland ein globaler Handelspartner, der aus den internationalen Handelsbeziehungen nicht wegzudenken ist. Man sollte also meinen, dass Deutschland und Syrien einen ähnlichen Hintergrund haben.

Bewertung auf der Unterschiedlichkeitsskala: gering (allerdings zu unterschiedlichen Zeiten)

Unterschiedlicher Kleidungsstil

Syrer tragen generell eine Kombination aus traditioneller arabischer und westlicher Kleidung. Formelle Kleidung ist eher selten, aber wie sicher alle schon erwarten, bedecken die meisten Männer und Frauen ihre Beine zumindest unterhalb der Knie und die Arme bis zu den Ellenbogen. Dies hat zum einen religiöse Gründe und zum anderen dient es auch zum Schutz vor der Sonne. Es wäre allerdings falsch hieraus zu schließen, dass dies die Lebensfreude beeinträchtigt. Nicht nur die jüngeren Frauen sind voller Vitalität, lieben leuchtende Farben, viel Schmuck, Make-up und hochhackige Schuhe.

Was die Deutschen betrifft, dachte ich immer, dass die neuesten Trends das Erscheinungsbild bestimmen. Etwas erstaunt war ich, wie viele von ihnen, z. B. am Oktoberfest an den Trachten und Volkstraditionen festhalten, die sie vor Hunderten von Jahren von ihren Vorfahren geerbt haben. Wenn man in Bayern wohnt wie ich, dann fällt es einem sofort auf, dass die Bayern traditionelle Kleidung auch im Alltag tragen, Lederhosen für Männer und das Dirndl für Frauen. Zweifel kamen mir allerdings, als ich dann die ersten Faschingsumzüge gesehen habe, ob das wirklich mit Traditionen zusammenhängt, oder sich die Menschen hierzulande gerne lustig anziehen. Bei uns gibt es so etwas nicht.

Bewertung auf der Unterschiedlichkeitsskala: Geschmacksache (jeder soll tragen, was er will)

Medienlandschaft

Weniger lustig ist das Thema Medien. Sie sollten ein Indikator für den Fortschritt und die Entwicklung eines Landes sein. Die Medien werden in Syrien von der Regierung kontrolliert. Das Fernsehen ist das beliebteste Medium in Syrien. Internet gibt es zwar in Syrien, aber schwer zu glauben, es funktioniert noch schlechter als in Deutschland. Ehrlich gesagt bin ich von dem Internet in Deutschland sehr enttäuscht. Wenn es danach geht, kann dieses Medium kein Indikator für Fortschritt und Entwicklung eines Landes sein. Auch was die Kontrolle der Medien angeht, lese ich viel davon, dass Politiker aus einigen europäischen Ländern die Medien mehr und mehr einschränken wollen, nur weil ihnen dort vertretene Meinungen nicht gefallen. Als Syrer kann ich davon nur abraten. Freie und unabhängige Medien sind das wichtigste Instrument der Demokratie. Wieso man diese Freiheit abschaffen möchte, konnte mir noch keiner erklären. Ich glaube, sie wissen es selbst nicht. Wozu das führt, kann man sich in weniger demokratischen Ländern ansehen. Es kann doch nicht deren Ernst sein, dass sie sich solche Zustände wünschen. Ihr könnt auf eure Pressefreiheit und Vielfalt stolz sein.

Bewertung auf der Unterschiedlichkeitsskala: sehr groß (mir gefällt es in Deutschland besser)

Familiäre Beziehungen

In Syrien bezeichnet man die Familie als die wichtigste soziale Bindung im Leben. Stets trifft sich die Familie zu Festen, einen Anlass findet man oder man trifft sich ohne. Immer wird miteinander gegessen, spielen die Kinder miteinander, während sich die Erwachsenen zusammensetzen und alle durcheinander reden. Man amüsiert sich mehr miteinander als übereinander. Gemeinsame Ausflüge stehen auf der Tagesordnung.

In Deutschland ist mir aufgefallen, dass Familientreffen eigentlich nur zu Weinachten, Ostern oder zu einem runden Geburtstag stattfinden. Die meisten deutschen Familien bestehen aus Eltern mit ein oder zwei Kindern. Im Gegensatz dazu haben die Familien in Syrien mindestens drei oder vier Kinder. Zur syrischen Großfamilie gehören darüber hinaus noch Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins, Nichten und Neffen, Enkel und was es noch alles gibt. Entsprechend kommen bei einem deutschen Familientreffen nicht so viele Menschen zusammen wie bei einer syrischen Großfamilie.

Die Großeltern leben mit ihren Kindern und Enkelkindern nicht selten gemeinsam in einer Wohnung. In Deutschland ist das seltener der Fall, sondern die Kinder können es kaum erwarten – spätestens mit dem 18. Lebensjahr – auszuziehen und auf eigenen Beinen zu stehen. Ich bewundere diese Unabhängigkeit. Aufgrund der Flucht befand ich mich in einer ähnlichen Lage, vermisse allerdings meine Familie sehr.

Bewertung auf der Unterschiedlichkeitsskala: groß (aber ohne jede Wertung)

Die syrische und die deutsche Küche – ein Vergleich

Die syrische Küche zeichnet sich durch ihre vielen köstlichen Gerichte aus, die in der gesamten arabischen Welt berühmt sind. Dabei gibt es die syrische Küche als solche eigentlich gar nicht, sondern sie ist eine Vielfalt aus der Geschichte Syriens und ihrer Regionen. Die wichtigsten sind Damaskus, Aleppo, Homs, Hama, die Städte der syrischen Küste, die syrische Inselregion, Deir Ezzor, Raqqa, Badia und die Berggebiete von Lattakia, As-Suwayda und die Landschaft von Damaskus. In diesem Punkt unterscheidet sich Syrien nicht von Deutschland.

In Deutschland haben die Regionen ihre eigenen Spezialitäten und es fällt mir schwer zu definieren, was deutsche Küche ausmacht. Einen Unterschied konnte ich allerdings feststellen. In Syrien kocht in der Regel die Mutter/Ehefrau. Hier kochen auch häufig die Männer oder machen in der Küche etwas, was so aussehen soll. Oft wurde mir jedoch von jungen Frauen berichtet, dass sie nicht kochen können. In Syrien wäre das undenkbar.

Mit der Fluchtbewegung der syrischen Bevölkerung, an der Deutschland den größten Anteil in Europa hatte, hat sich die syrische Küche in den letzten fünf Jahren weltweit verbreitet. In deutschen Städten wurde zahlreiche neue Restaurants eröffnet, in denen syrisches Essen serviert wird.

Die syrische Küche umfasst eine große Auswahl an Lebensmitteln, darunter: Kebbeh, Taboulé, Kichererbsen, Weinblätter, Fattoush, Lobna, Schawarma, Mjdara, Shankleesh, Makdous und viele andere Spezialitäten. Die Liste der Desserts ist nahezu endlos. Wir Syrer haben unsere Leidenschaft für Süßes aus Syrien mit nach Deutschland gebracht, geben sie an die Deutschen weiter und bringen ihnen ein Stück unserer Heimat näher. Eine der bekanntesten Süßigkeiten ist die Halawa: kleine Röllchen aus Grieß, gefüllt mit mild-süßem Frischkäse, dazu ein bisschen Rosenwasser und gemahlene Pistazien. Nicht ganz so süß wie das türkische Baklava, was man hier schon lange kennt, sondern viel besser

Als ich in Deutschland ankam, hatte ich vom deutschen Essen einen eintönigen Eindruck, dies mag aber dem uns in der Flüchtlingsunterkunft angebotenen Essen geschuldet sein. Ich möchte nicht undankbar sein, aber es schmeckte leider nicht. Heute nach ca. vier Jahren in diesem Land und nach ausgedehnten Touren durch verschiedene deutsche Städte, habe ich eine völlig andere Sichtweise. Ich entdeckte, dass meine Unkenntnis der deutschen Küche der Grund für mein Vorurteil war.

Bewertung auf der Unterschiedlichkeitsskala: enorm (mir schmeckt beides)

Transport

Taxis, Kleinbusse und Busse sind in Syrien am weitesten verbreitet. Ein Auto existiert pro Familie, wenn überhaupt, nur eines, nicht alle funktionieren. Oft endet eine Taxifahrt mit einem endlosen Streit zwischen Fahrer und Fahrgast über die Höhe der Taxigebühr. Daran sind wir Syrer gewöhnt.

Welch andere Situation in Deutschland! Ein Kontrast wie Tag und Nacht. Hier leistet man sich die Diskussion, ob das Fahren von den modernsten und neusten Diesel-KFZ noch zeitgemäß ist. Öffentliche Verkehrsmittel sind nahezu überall verfügbar und sogar pünktlich (manchmal). In Syrien würden die Menschen wahrscheinlich alles für solche Zustände geben, in Deutschland beklagen sie sich darüber.

Im Vergleich zu Syrien fahren die Deutschen viel mit dem Fahrrad, was mir selbstverständlich gefällt und ich mir wünsche, dass es auch in Syrien so wäre.

Bewertung auf der Unterschiedlichkeitsskala: gewaltig

Mohammad Omar at HBI

Wir bedanken uns bei Mohammad für seine Arbeit bei uns. Auch wir konnten sehr viel von ihm lernen und wünschen ihm nur das Beste für seine Zukunft!

Hier gelangt ihr zu seiner Vorstellung.


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