Letzten Herbst wollte ich mir wegen des vielen Regens eine Regenjacke kaufen. Wenn ich meine Mutter fragen würde, wie sich die Digitalisierung im Fall Regenjacke auf mein Kaufverhalten auswirkt, würde sie sagen, dass ich diese Regenjacke in einem Online-Shop kaufen werde. Damit hat sie natürlich recht, zugegeben ich gehe immer noch gerne in Real-Life-Geschäfte, aber es regnet ja. Also recherchiere ich online über Angebot und Beliebtheit verschiedenster wasserdichter Modeartikel und lerne über Wassersäulen und winddichte Materialien. Doch für mich geht der digitale Weg zur Trockenheit im Herbst noch einen Schritt weiter.

Nachdem ich mir einen Überblick verschafft habe und einige Jacken in Betracht ziehe, öffne ich die Webseite meines Vertrauens: YouTube. Die nächste Stunde verbringe ich damit, zuzusehen, wie Menschen, die ich nicht kenne und nie kennen werde, ihre frisch bestellten Regenjacken auspacken, anprobieren und bis zum geschmeidigen Lauf des Reißverschlusses genau testen. Ohne die verlässliche Meinung von mindestens zehn YouTube-Testern kann ich keine vernünftige Kaufentscheidung treffen. Am Ende fühle ich mich so erschöpft, als hätte ich alle Jacken selbst probiert. Trotzdem bin ich ein bisschen stolz, denn ich habe all das erreicht, ohne mich zu bewegen und musste dafür noch nicht einmal meinen Pyjama ausziehen.

Ich lasse mir also von Menschen auf YouTube sagen, was ich am besten kaufen soll. Für Firmen ist dieser Aspekt extrem wichtig, denn ich vertraue nicht ihren Fernsehwerbungen, sondern der Meinung von Fremden auf YouTube. Um mich erreichen zu können, müssen Unternehmen das Potential erkennen und den Einfluss nutzen, den YouTube auf mich und andere in meinem Alter hat.

Im Fall der Regenjacke würde es vermutlich sogar reichen, einfach irgendjemanden dazu zu bringen über das Produkt zu berichten, denn die Anzahl an Regenjacken-Unboxings auf YouTube war noch relativ gering. In solchen Fällen verlasse ich mich auf weniger erfolgreiche YouTuber. Wenn es aber um Bereiche geht, die auf YouTube stärker vertreten sind, wie Smartphones oder Beauty-Produkte, reicht kein No-Name-Kanal mehr. Dann muss die Meinung der großen YouTube-Stars her.

Ich bin häufig auf YouTube unterwegs und kenne mich in verschiedenen Bereichen der Szene gut aus, außerdem erkenne ich schnell, welche Kanäle beliebt und vertrauenswürdig sind. Wenn ich zum Beispiel auf der Suche nach einem neuen Handy bin, kann ich mich noch an einige relevante Kanäle erinnern, die ich noch vom letzten Handy-Kauf kenne. Außerdem sehe ich sofort, wie beliebt ein weiterer Kanal ist und entscheide daran, wie stark dieser Kanal meine Meinung beeinflusst. Ich entscheide nicht nur anhand der Abonnenten, wie relevant ein Kanal ist, sondern zum Beispiel auch anhand der Vernetzung zu anderen großen Kanälen. YouTuber müssen mir das Gefühl geben, dass sie mir ihre ehrliche Meinung über ein Produkt geben. Vertrauen ist ein wichtiger Faktor. Ich weiß natürlich, dass die Produkte meistens gesponsert sind, doch wenn YouTuber alles nur positiv absegnen, fallen sie beim Vertrauenstest gnadenlos durch.

Wenn Unternehmen ihre Produkte auf YouTube promoten, reicht es nicht nur präsent zu sein, sie müssen auch in der Lage sein, die wichtigsten Opinion-Leader eines Themenbereiches zu identifizieren und mit ihnen zu kooperieren.

Die Meinungen mancher YouTuber sind sogar so wichtig, dass sie zu einem echten Problem für Marken werden können. Nicht nur einmal habe ich ein Produkt nicht gekauft, weil mir ein YouTuber davon abgeraten hat, den ich zuvor für vertrauenswürdig befunden habe. Unternehmen sollten daher auch einen Überblick haben, was im Netz über ihre Produkte berichtet wird und im Falle einer negativen Beurteilung durch eine einflussreiche Person handeln. Der Kontakt zu Online-Influencern ist bei einer jungen Zielgruppe fast ebenso wichtig wie der Kontakt zu bedeutenden Print-Medien.

In der PR-Arbeit dürfen diese Themenbereiche also nicht fehlen, denn eine große Zielgruppe bezieht sich stark auf YouTube als Informationsquelle. Es ist wichtig, die betreffende Szene auf YouTube genau zu kennen, und mit wichtigen Kanälen zu kooperieren, um junge Menschen bei ihrer Recherche gezielt zu beeinflussen.

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